Der tiefgreifende Wandel in Gesellschaft und Arbeitswelt macht auch vor der Hochschule nicht Halt. Die Digitalisierung durchdringt alle Lebensbereiche, die 24/7-Gesellschaft stellt neue Erwartungen an Institutionen und die Unvorhersehbarkeit der Zukunft bedingt eine hohe Flexibilität, um künftige Entwicklungen zu antizipieren.
Digitalisierung
Präsenz, Onlinesettings und asynchrones Lernen verschmelzen zunehmend, Raum und Zeit wird dadurch entkoppelt. Hybride Lernformen verlangen eine niederschwellig nutzbare, stabile und flexible Infrastruktur. Vom Lehrpersonal und den Studierenden wird eine hohe technische Kompetenz gefordert. Im Beitrag Virtuelle Räume wird diese Thematik vertieft.


Bilder: Hanja Jansen
Durch die Auslagerung vieler Lernaktivitäten in digitale Räume muss der sozialen Eingebundenheit eine umso grössere Aufmerksamkeit geschenkt werden und die Präsenzveranstaltung erhält paradoxerweise eine grössere Relevanz: Die Anreise muss sich lohnen. Eine rein frontale Veranstaltung, die auch als Video betrachtet werden könnte, ist schwer zu rechtfertigen. Physische Räume ermöglichen eine spontane Interaktion und einen informellen Austausch, während die soziale Komponente in digitalen Umgebungen bewusst gestaltet werden muss.
Durch den verstärkten Fokus auf projektartige und kollaborative Lernaktivitäten werden spezielle Räume für Multimediaproduktionen und digitale Fabrikation (Makerspace) eine grössere Bedeutung erhalten. Damit solche Räume produktiv und sicher genutzt werden können, muss ein niederschwelliger Support zur Verfügung gestellt werden, beispielsweise über studentische Hilfskräfte.


Zunehmend werden an Hochschulen auch immersive Technologien wie Virtual Reality oder Augmented Reality Einzug halten, welche anschauliche und praxisnahe Lernerfahrungen, beispielsweise über Simulationen, ermöglichen. Aktuell ist die entsprechende Infrastruktur noch teuer und kompliziert, das Entwicklungspotential ist aber gross.


Lernformen
Die Raumgestaltungsprinzipien von Rosan Bosch lassen sich auch auf die Hochschule übertragen. Durch die Studierendenzentrierung und Kompetenzorientierung werden weniger klassische Seminarräume und Hörsäle («Mountain Top») benötigt und dafür mehr flexible Räume für unterschiedliche Lernsituationen eingerichtet. Für die soziale Interaktion bei einer Gruppenarbeit oder für eine spontane Austauschrunde wird Mobiliar benötigt, das sich leicht verschieben und allenfalls auch modular zusammenstellen lässt. Hilfreich sind auch Elemente, um den Raum zu unterteilen und Störungen zu minimieren.
Das konzentrierte individuelle Lernen, das klassischerweise in der Bibliothek stattfindet, verteilt sich künftig zunehmend auch auf Zwischenräume wie Korridore sowie Eingangs- und Transferbereiche. Akustisch lassen sich Störungen mittlerweile gut über Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung ausblenden, hingegen empfiehlt sich Arbeitsplätze zu gestalten, die eine Geborgenheit bieten und visuelle Ablenkungen minimieren.


Der Trend «from teaching to learning» bewirkt einen Shift von der Wissensvermittlung weg hin zu mehr Lernbegleitung. Entsprechend braucht es mehr Raum für Coachinggespräche, Lernberatungen und Peer-Learning.



Bilder: Hanja Hansen
In einer studierendenzentrierten Lehr-/Lernkultur erhalten projektorientierte und forschungsbasierte Lehrformate mit einem hohen Grad an studentischer Partizipation eine grössere Bedeutung. Entsprechend müssen geeignete Raumstrukturen geschaffen werden, die flexibel an diese vielfältigen Anforderungen angepasst werden können. Spezialräume (Labore, Werkstätten, Küchen, Sporthallen) sind zwar für das handlungsrorientierte Lernen zentral, oft sind sie aber unterbelegt. Durch eine geschickte Verteilung und die Kombination mit universelleren Räumen kann die Situation optimiert werden.



Bilder: Hanja Hansen
Hochschule als Lern- und Lebensraum
Die Hochschule wird Begegnungsort für die Studierenden immer wichtiger. Das Lernen ist verwoben mit Freizeitaktivitäten, neben einladenden Verpflegungsmöglichkeiten und Bereichen für ein geselliges Zusammensein oder den informellen Austausch, gibt es auch einen Bedarf nach Erholungszonen und Rückzugsgebieten. Eine wesentliche Rolle spielt dabei auch die Aussenraumgestaltung und zwar nicht nur für Pausen und als Verkehrsflächen, sondern durchaus auch als Lernraum.
Gleichzeitig öffnen sich Hochschulen zunehmend für die Gesellschaft. Denkbar sind Co-Working-Bereiche, offene Bibliotheken und Werkstätten sowie Gemeinschafts- und Verpflegungsbereiche, welche auch von der Öffentlichkeit frequentiert werden.


Bilder: Hanja Hansen
Weiterführende Ressourcen
- Hochschulforum Digitalisierung, Nr 80 / Juni 2024: Zukunftsorientierte Lernraumentwicklung
Anhand konkreter Pilotprojekte werden praxistaugliche Empfehlungen zur Lernraumentwicklung an Hochschulen abgegeben. - Co-Kreation für die Entwicklung zukünftiger Lehr-Lernräume im Hochschulkontext
Kompakter und anschaulicher Text zur Phase 0 der Lernraumentwicklung an Hochschulen - Lernumgebungen an der Hochschule – Auf dem Weg zum Campus von morgen
Dieser Band ist zwar nicht mehr ganz taufrisch (2014), liefert aber immer noch viele relevante Anregungen für die Lernraumgestaltung an der Hochschule der Zukunft. Beispielsweise wird die Bedeutung der Zwischenräume betont.
Beispiele
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PHZH collab

Das Collaborative Learning Lab (collab) am Zweitstandort in Oerlikon dient der PH Zürich als Pilotierungsraum. Es sollen darin Erkenntnisse über die Weiterentwicklung der Lehre und die damit verbundene zukünftige Ausgestaltung der Hochschulräume gewonnen werden. Die fünf Experimentierräume mit einer Fläche von 400 m2 stehen allen Mitarbeitenden der PH Zürich zur Verfügung.
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Square, HSG

Das vom japanischen Architekten Sou Fujimoto entworfene und 2022 eingeweihte Gebäude beeindruckt durch seine lichtdurchflutete, offene Gestaltung und schafft Raum für unterschiedlichste Lehr- und Lernsettings.
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Makerspace PHTG

Wenn man aus der nüchternen Halle der PH Thurgau in den Makerspace eintritt, so eröffnet sich eine inspirierende Welt der Kreativität für Macher:innen. Digitale und analoge Produktionsmöglichkeiten laden zum Tüfteln und Experimentieren ein. Gleichzeitig ist der Makerspace ein Begegnungsort, an dem Gruppen gemeinsam Ideen entwickeln und Projekte verwirklichen können. Die PHTG bietet mit diesem Raum einen überaus motivierenden Einblick in die Maker Education, der in die Praxis ausstrahlt und gleichzeitig die Erfahrungen aus den begleiteten Schulen aufnimmt.
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CoLiLab, PH Weingarten

Die PH Weingarten betreibt auf zwei Stockwerken das CoLiLab (Cooperative Liberal Laboratory) – ein Makerspace für multimediale Projekte und digitale Fabrikation. Dazu gehören unter anderem ein Videostudio mit Schnittplätzen, eine Aufnahmeraum für Podcasts, ein Raum mit 3D-Druckern, Lasercuttern, Schneidplottern usw.
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Erweiterungsbau Z – Campus PHTG

Der Neubau in Kreuzlingen ist sehr grosszügig gestaltet und umfasst viele Spezialräume. Im virtuellen Rundgang wird man von der Rektoren begrüsst, der Architekt erläutert seine Überlegungen und von verschiedenen Beteiligten erhält man Einblick in die Nutzung des Gebäudes.