Die Bereitstellung neuer Lernräume erschöpft sich nicht in der Bereitstellung von zusätzlichem Platz, sondern wird idealerweise als partizipativer Prozess verstanden, der breit abgestützt ist und das künftige Lernen ins Zentrum stellt. Überlasst die Schule die Planung und den Bau ganz der Verwaltung und der Architektur, verpasst sie eine entscheidende Chance, sich zu entwickeln. Damit sich Schule, Verwaltung und Planende optimal in den Prozess einbringen können, braucht es viel gegenseitiges Verständnis und eine enge Zusammenarbeit aller Beteiligten, wie der folgende Videoclip auf humorvolle Weise zeigt:

In Deutschland sind bei Bauvorhaben die neun Phasen nach HOAI (Honorarordnung für Architekten- und Ingenieurleistungen) die Referenz, während in der Schweiz die sechs Leistungsphasen nach SIA (Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein) unterschieden werden. Im Hinblick auf Bildungsbauten wird die Bedeutung der Phase Null betont, welche der eigentlichen vorangestellt ist, in der Regel aber separat budgetiert werden muss. Hier findet die Abklärung der pädagogischen und räumlichen Bedürfnisse statt und dazu gehört idealerweise, über die Zukunft des Lernens nachzudenken.
Phase Null
Auf dieser Website werden einzelne relevante Aspekte skizziert ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Viel tiefergehende Hinweise zur Prozessgestaltung sind beispielsweise im Buch Schule planen und bauen 2.0 – Grundlagen, Prozesse, Projekte (Literaturangabe siehe ganz unten) zu finden.
Bestandsaufnahme
Bevor der Bau in den Fokus rückt, gilt es eine eine sorgfältige Bestandsaufnahme sowohl auf der pädagogischen wie auch auf der räumlichen Ebene zu machen.
Auf der pädagogischen Ebene werden mittels Leitbild, Konzepten und Schulprogramm pädagogische Anforderungen und Zeile gesammelt: Wo wollen wir als Schule hin? Wie stellen wir uns das Lernen der Zukunft vor? Teilen wir diesbezüglich gemeinsame Überzeugungen? Als Perspektivenerweiterung könnten Schulbesuche (siehe weiter unten), Expertenvorträge oder eine Internetrecherche dienen.
In Bezug auf die Räume können bei einer Begehung folgende Fragen untersucht werden: Wie werden Räume aktuell genutzt? Wo gibt es einen Leidensdruck? Was ist überflüssig? Ausserdem werden baulichen und organisatorischen Rahmenbedingungen gesammelt. Für den Umbau eines bestehenden Gebäudes wird zudem eine technische Bestandsaufnahme benötigt (Akustik, Luftqualität, energetische Bestandsbewertung, Schadstoffuntersuchung, usw.).
Interdisziplinäre Planungsgruppe bilden
Damit die Erkenntnisse aus Phase Null schliesslich auch wirklich im Sinne der Schule umgesetzt werden und um einen reibungslosen Bauprozess zu gewährleisten, empfiehlt sich die Bildung einer breit zusammengesetzte Planungsgruppe aus Schule, Verwaltung und Planung. So werden unterschiedliche Perspektiven zusammengeführt und ein gegenseitiges Verständnis für die verschiedenen Anliegen und Herausforderungen geschaffen, denn das pädagogische Personal ist meist nicht vertraut mit der Sprache der Architektur und umgekehrt fehlt den den Planer:innen und der Verwaltung das Wissen über die Anforderungen an die Schule der Zukunft. Zudem lässt sich mit einer interdisziplinären Gruppe der Informationsfluss für alle Beteiligten sicherstellen. Modelle wie die sechs Raumprinzipien von Rosan Bosch können helfen eine gemeinsames Verständnis zu schaffen.
In späteren Phasen (z.B. bei Entwurf oder bei der Ausstattungsplanung) können bei Bedarf auch wieder die Nutzer:innen eingebunden werden. Das verlangt Überzeugungsarbeit bei Verwaltung und Architekt:innen!
Bedarfserhebung als co-kreativer Prozess
Idealerweise wird das ganze Team oder bei grossen Institutionen wenigstens eine breit abgestützte, repräsentative Gruppe in den Prozess einbezogen. Eine bewährte Methode dafür ist Design Thinking, wegen ihres nutzerzentrierten, multiperspektivischen, iterativen und kollaborativen Ansatzes. Im Zusammenhang mit Design Thinking wird oft auch auf das Double Diamond Modell verwiesen, das zwischen dem Problemraum und dem Lösungsraum unterscheidet und diese beiden je wieder über eine öffnende und zusammenführende Phase strukturiert.

Das Double Diamond Modell kann als Grundstruktur für zwei Workshops genutzt werden.
- Im ersten Workshop setzt sich die Gruppe mit dem künftigen Lernen auseinander. Es wird auf unterschiedliche Weise recherchiert, befragt und untersucht. Oft wird in dieser Phase auch mit Personas, fiktiven Einzelpersonen, gearbeitet, um die Bedürfnisse der verschiedenen Betroffenen zu erfassen. Die Synthese aus den Erkenntnissen könnte zur Beschreibung von Lernflächen führen. Damit sind noch keine konkreten Räume definiert sondern viel mehr Bereiche für unterschiedliche Lernaktivitäten.
Im Anschluss an den Workshop werden die Ergebnisse von der Planungsgruppestrukturiert und verdichtet, damit man eine zielführende Arbeitsgrundlage für den zweiten Workshop hat. - Im zweiten Workshop wird dann gemeinsam nach Lösungen für den ausfindig gemachten Raumbedarf. Für die Lernflächen werden Protypen gebaut, beispielsweise mit Lego oder auch mit Bastelmaterialien. Durch den haptischen und ko-kreativen Zugang werden die gemeinsamen Vorstellungen über die künftigen Lernräume im wörtlichen Sinn begreifbar. Mit Präsentation der Prototypen im Plenum und dem gemeinsame Versuch diese in eine räumliche Struktur zu überführen wird der Workshop abgeschlossen. Die in der Auswertungsrunde gewonnenen Erkenntnisse fliessen wiederum in die Weiterarbeit der Planungsgruppe ein.


Die einzelnen Raumtypen werden konkretisiert und visualisiert. Zu einem späteren Zeitpunkt werden sie wieder im Team vorgestellt. In einem dritten Workshop könnten die Prototypen getestet werden, beispielsweise indem man einen Tagesablauf aus Sicht von verschiedenen Personas durchspielt. Grundlage könnten die Pläne der Räume in physischer Form (als 3D-Modelle, oder in Papierform mit ausgeschnittenem Mobiliar).


Eine andere Möglichkeit wäre das digitale Vorgehen, zum Beispiel mit einem Miroboard. Der Vorbereitungsaufwand ist im Vergleich zum massstäblichen 3D-Modell deutlich geringer und die Ergebnisse lassen sich leichter weiterverwenden und teilen, andererseits ist diese Arbeitsgrundlage abstrakter und entsprechend dürften manche Personen Mühe haben, sich die in den Räumen stattfindenden Lernprozesse konkret vorzustellen.

Schulen besuchen
Viele Schulen haben diesen Prozess bereits durchlaufen und in der Region hat es meist Schulhäuser mit sehr innovativen Lernräumen, die als Inspiration genutzt werden können. Ein Besuch ist immer ein grosser Aufwand und bewirkt bei den Gastgebern auch eine gewisse Unruhe.
Damit der Besuch sich wirklich lohnt, ist deshalb eine sorgfältige Vorbereitung aller Beteiligten unabdingbar. So macht es beispielsweise Sinn, einen Fragenkatalog und einen Beobachtungsbogen zu erstellen. Optimal wäre eine Möglichkeit, mit verschiedenen Beteiligten der Schule sprechen zu können (Lernende, verschiedene Lehrpersonen, evt. Hausdienst, Schulsozialarbeit, …).
Schlussbericht
Die Phase Null wird in der Regel mit einem Schlussbericht abgeschlossen, welcher als Entscheidungs- und Planungsgrundlage für den Bau gilt. Darin werden die Erkenntnisse aus der pädagogischen und baulichen Bestandsaufnahme und der Entwicklung des Raumprogramms zusammengefasst.
Unter den Links ganz unten sind Beispiele solcher Schlussberichte zu finden.
Phase Zehn
Oft geht die Phase Null, also die (pädagogische) Bedarfserhebung vergessen – eine verpasste Chance. Dass die fertig gebauten Räume dann aber einfach im ursprünglich angedachten Sinn genutzt werden, ist aber ebenfalls keine Selbstverständlichkeit. Deshalb wurde von der Montag Stiftung die Phase Zehn für die Inbetriebnahme propagiert: Hier wird das Team auf den Start vorbereitet, es werden die Räume erkundet, Szenarien evaluiert, Erfahrungen reflektiert und ausgetauscht sowie die Weiterentwicklung eingeleitet. Auch Phase Zehn muss finanziell geplant werden, denn sie beginnt erst mit dem Bauabschluss.
In der Schweiz funktioniert der Begriff «Phase Zehn» nur bedingt, denn wie eingangs erwähnt, werden hier üblicherweise nur 6 Bauphasen unterschieden, wobei Phase 6 der Inbetriebnahme und somit der im nördlichen Nachbarland propagierten Phase Zehn entspricht. Dennoch stützen wir uns hier auf die in der Literatur gebräuchliche Bezeichnung «Phase Zehn».
Aktivitäten in Phase Zehn
- Als Schulgemeinschaft starten und Planen: Informationsveranstaltung, Kick-off, Pinnwand (für Termine, Verantwortlichkeiten usw.), Rundgang
- Bestand betrachten und evaluieren: Hospitation, gemeinsame Begehung (z.B. Problemzonen identifizieren), Interviews, Umfragen
- Erkunden, kennenlernen, voneinander lernen: Besuch von anderen Schulen, Raumquartett, …
- Gestalten, ausprobieren, aneignen: Open House, Reflexions- oder Szenarienworkshop, …
- Übertragen, erleben, weiterentwickeln: Reflexion, Liste (Pinnwand) mit Änderungswünschen, Abschlussworkshop
Planspiel zur Phase Zehn
Die Montag Stiftung hat mit dem Playbook zur Phase Zehn eine sehr hilfreiche Ressource bereitgestellt:

Links und Literatur
- Schule planen und bauen 2.0 – Grundlagen, Prozesse, Projekte
Neuauflage des Standardwerks für einen neuen Schulbau - https://schulen-planen-und-bauen.de
Informativer und inspirierender Blog - https://schulbauopensource.de
Planungsthemen von A – Z, ein umfangreiches Nachschlagewerk - PARTIZIPATION MACHT ARCHITEKTUR
Anhand zahlreicher konkreter Beispiele und Ideen zeigt dieser Band, wie Bauprojekte partizipativ gestaltet werden können, nicht nur im pädagogischen Bereich. - Fünfmal Phase Null
Konkrete Beispiele für die Durchführung der Phase Null - Co-Kreation für die Entwicklung zukünftiger Lehr-Lernräume im Hochschulkontext
Konkrete Hinweise für die Phase Null an Hochschulen, die auch in der Entwicklung der experimentellen Lernräume der PHZH eingeflossen sind. - Baupiloten Methode
Das Architekturbüro Baupiloten begleitet Schulen, einen Neu- oder Umbau als partizipativen Prozess gestalten. Auf ihrer Website geben sie einen inspirierenden Einblick in ihre Methode.